Wahlverwandtschaften
28.01.2010 12:50
Früher war das Zusammenleben mehrerer Generationen übliche Praxis. Großeltern, Eltern und Kinder ? oftmals lebten drei oder sogar mehr Generationen unter einem Dach, die Rollen waren dabei meist klar verteilt.
Bei allen Schwierigkeiten, die das gemeinsame Leben manchmal birgt , so bringt dieses Wohn- und Lebenskonzept auch ein großes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit mit sich. Aus diesen Erfahrungen hat man beim heutigen Mehrgenerationen-Wohnen gelernt: An die Stelle der früher (wie heute) oft problematischen verwandtschaftlichen Bindungen treten heute ideelle Bindungen ? sozusagen Wahlverwandtschaften. Ziel des Wohnmodells ist es, älteren Menschen die Möglichkeit zu geben, sich in familienähnlichen Strukturen zu begeben. Im Gegenzug profitieren die jüngeren Menschen und Kinder von den Erfahrungen der älteren Generation und erfahren Entlastung im Alltag.
Am 18. Dezember war es auch am Karl-Bröger-Platz in Nürnberg endlich soweit. Das Innovationsprojekt Generationenhaus wohnenPLUS mit Kindertagesstätte feierte Eröffnung.
Herr Arnold, Sie sind Initiator des Innovationsprojektes wohnenPLUS in Nürnberg. Was muss man sich unter diesem Projekt genau vorstellen?
Zunächst einmal ist es ein Wohnhaus, bestehend aus 44 Wohneinheiten, Gemeinschaftsräumen, einem Laden, einer Tiefgarage und einer 3-gruppigen Kindertagesstätte. Die Kita wird getragen und betrieben vom gemeinnützigen Humanistischen Sozialwerk Bayern, alles andere trägt und betreibt unsere Genossenschaft andersWOHNEN. In einer Hausgemeinschaft leben ausschließlich alte und alleinerziehende Menschen selbstbestimmt zusammen. Kennzeichnend für das Miteinander ist der sogenannte Versorgungsverbund. Dieser gewährleistet einen optimalen ersorgungsstandard jedes einzelnen Bewohners, und zwar zu wirtschaftlich äußerst günstigen Konditionen. Dies ist möglich, weil sich die Hausbewohner dort, wo sonst auf externe Dienstleister zurückgegriffen werden muss, auf ehrenamtliche Art und Weise gegenseitig unterstützen. Damit aber nicht genug. Um den gemeinnützigen Charakter dieser Wohnform nachhaltig zu sichern, haben wir eine Genossenschaft gegründet. Jeder Mieter ist also gleichzeitig sein eigener Vermieter, das Haus gehört den Bewohnern. Maßgeblich gefördert wurde unser Projekt vom Bundesfamilienministerium, von der Bayerischen Landesstiftung und der Stadt Nürnberg. Allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt.
Generationenhäuser gehörten früher zur Normalität. Jung und Alt lebten unter einem Dach zusammen. Heute sieht das oft anders aus. Haben Sie das Gefühl, dass in der Gesellschaft ein Wandel eingesetzt hat wieder hin zu diesem ?alten? Modell, wenn auch in veränderter Form?
Das steht für mich außer Frage. Heutige Wohnbedürfnisse werden maßgeblich geprägt vom sozialen und demografischen Wandel der letzten Jahrzehnte. Die Folge sind wachsende Defizite im Bereich der alltäglichen Versorgung. Dabei nehmen die qualitativen Erwartungen hinsichtlich der in der Wohnanlage gewünschten Dienstleistungsangebote stetig zu. Genau diese Erwartungen können durch das Zusammenleben mehrerer Generationen am Besten erfüllt werden. Darüber hinaus wird damit dem stetigen Werteverfall in unserer Gesellschaft begegnet. Wenn Jung und Alt zusammen kommen, geht es also nicht nur um den Austausch klassischer Dienstleistungen, sondern auch um die Vermittlung von in Vergessenheit geratener Werte. Insofern hoffen wir, mit dieser Wohnform eine zukunftsweisende Antwort auf eine der zahlreichen Herausforderungen der Gegenwart gefunden zu haben.
Was hat Sie persönlich dazu bewogen, das Projekt ins Leben zu rufen?
Ende des Jahres 2003 habe ich den gemeinnützigen Verein DMH, Dienstleistungen MENSCH und HAUS gegründet und damit meine Erfahrungen aus der Krankenpflege und der Architektur verbunden. Dieser Verein bietet unter anderem Wohnberatung an. Dabei habe ich viele Senioren oder behinderte Menschen kennen gelernt, die große Angst hatten, ihre vier Wände gegen eine stationäre Senioreneinrichtung eintauschen zu müssen. Aus zwei Gründen: Entweder war das Haus oder die Wohnung nicht barrierefrei und / oder die alltägliche Versorgung war nicht mehr gewährleistet. Beides führt dazu, dass ein selbständiges Leben nicht mehr möglich ist. Die Aufgabe war also, eine Wohnform zu finden, in der diese Defizite erst gar nicht entstehen können. Bei diesen Überlegungen stieß ich auf die Gruppe der Alleinerziehenden. Beide Gruppen haben im Alltag zwar ähnliche Defizite, aber sie verfügen über ganz andere Ressourcen: Zeit, Aufgaben, Verantwortung, Erfahrung. An diesen Beispielen wird deutlich, wie sich beide im Alltag wunderbar ergänzen können und dadurch voneinander profitieren. Ich entwickelte ein Konzept, gründete aus dem Verein heraus die Genossenschaft andersWOHNEN und unser erstes Haus wohnenPLUS war geboren.
Welche Vorteile bietet die Lage des Gebäudes insbesondere für ältere Menschen?
Nicht ohne Grund geht insbesondere für ältere Menschen der Trend seit Jahren weg vom Land und hin zum urbanen Wohnen. Der Einbindung des Objekts in die innerstädtische Infrastruktur kommt also eine ganz besondere Bedeutung zu. Wichtige Standortkriterien sind daher haushaltsnahe Dienstleistungen, Einkaufsmöglichkeiten, Organisation, Erreichbarkeit, Naherholung, Freizeit, senioren- und kindergerechtes Umfeld. Dabei geht es aber keineswegs nur um die vorhandene Infrastruktur, sondern auch um die sozialen Kontakte. Einige unserer Bewohner kamen direkt aus dem Quartier. Das bedeutet, dass Angehörige, Freunde und Bekannte ganz in der Nähe wohnen, was am Stadtrand bzw. im Grünen nicht der Fall wäre. Der ?Knüller? allerdings ist für mich der Karl-Bröger-Tunnel. Durch diese, zugegebenermaßen eher unattraktive Bahnunterführung, gelangt man nach nur 350 Metern ohne eine große Straße queren zu müssen barrierefrei in die Nürnberger Altstadt. Ein enormer Vorteil sowohl für Senioren als auch für Mütter mit ihren Kinderwägen.
Die Eröffnung des Generationenhauses fand im Dezember letzten Jahres statt. Welches Feedback haben Sie von der Bevölkerung bekommen?
Abgesehen von den Klagen einiger weniger Anwohner während der Bauzeit war das Feedback durchwegs positiv. Zum einen wurde das städtebauliche Zeichen sehr begrüßt, den Blockrand Karl-Bröger-, Tunnel- und Paradiesstraße zu schließen und damit eine unansehnliche Stadtbrache endlich zu beseitigen. Der Karl-Bröger-Platz wurde dadurch deutlich aufgewertet und auch mehr belebt. Zum anderen wuchs, nachdem die ersten Umrisse des Hauses erkennbar wurden, die Nachfrage an unserer Wohnform bzw. diesem Haus stetig. Leider waren aber die meisten Wohnungen zu diesem Zeitpunkt bereits reserviert.
Herr Arnold, welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Wie geht es weiter?
Die sehr positive Resonanz von Bund, Land, Kommune und Bevölkerung auf diese genossenschaftliche Form des Generationenwohnens beflügelt mich, in diesem Sinne weiter zu arbeiten. Vielleicht ist es ja wirklich ein Leuchtturmprojekt, wie manche sagen. In den letzten fünf Jahren, die vergangen sind ? von der ersten Idee bis zur Eröffnung dieses 7,5 Millionenhauses, konnte ich ungeheuer viele wertvolle Erfahrungen sammeln. Die werde ich jedenfalls nicht nur als Geschäftsführer unserer Genossenschaft nutzen um weitere Häuser zu bauen.






